humAn desAster[ Todeselfe|n fürchten sich]

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Das schwarze Herz

Hallo. Ja, ich bin die Freundin von Tom Dirkovitz. Also, Kumpel halt. Genau. Ich soll Ihnen etwas von ihm und mir erzählen? Okay, lassen Sie mich überlegen...:

Ich kannte Tom schon seit frühester Kindheit. Wir waren zusammen im Kindergarten, saßen in der Schule nebeneinander und verbrachten unsere Nachmittage gemeinsam spielend. Mit ihm konnte man Pferde stehlen. Wir stellten allerlei Blödsinn an, aber das war gut so. Ich glaube, nicht viele Kids können ihre Kindheit so ausfüllen mit Spaß, Lachen und Freude oder so intensiv ausleben wie wir es taten. Meine Familie hatte einen kleinen Bauernhof, mit Kühen, Schweinen und Enten. Was liefen Tom und ich zwischen den Beinen der Tiere herum, neckten und ärgerten sie, obwohl wir hätten zertrampelt werden können! Wie oft schliefen wir auf dem Heuboden, mit warmer Milch in der Thermoskanne, belegten Broten und alten Pferdedecken und erzählten uns Gruselgeschichten, obwohl wir davon nur noch mehr Angst bekamen! Wie oft sprangen wir von eben diesem Boden auf die Strohballen und Heuhaufen herunter, obwohl wir uns sonst was hätten brechen können! Wagemutig und ziemlich leichtsinnig eben. Aber alle diese Abenteuer haben uns nur noch mehr zusammengeschweißt. Klar, später trafen wir uns auch mit anderen Freunden, hingen mit ihnen rum, gingen gemeinsam ins Kino und die Disco, aber Tom und ich blieben uns trotzdem immer mehr verbunden als sonst jemand. Viele Leute munkelten, wir wären ein Paar, aber es war wirklich nur eine sehr gute Freundschaft.

Ja, wir machten viele Veränderungen zusammen durch. Welche?

Naja, irgendwann, so mit 16 oder 17 Jahren, fing unsere rebellische Phase an. Wir begannen, uns schwarz oder zumindest dunkel zu kleiden, Tom kaufte sich Springerstiefel, was ich nicht durfte, und wir beide hörten die härteren Sachen. Als wir beide einmal gemeinsam auf dem Flohmarkt waren, entdeckten wir an einem Schmuckstand zwei Ketten, an denen jeweils ein schwarzes, blankes Plastikherz baumelte. Tom zierte sich, als Junge so etwas zu tragen, aber ich konnte ihn schließlich überreden, es ums Handgelenk zu wickeln und tat dies auch bei mir. Wir pressten unsere Plastikherzen grinsend aneinander, und ich glaube in diesem Augenblick haben wir beide das Gefühl tiefster Verbundenheit gespürt. Doch das blieb dann leider nicht so. Tom begann mit der Zeit immer mehr, sich abzukapseln. Streunten wir früher noch auf Feldern und in Parks herum, schloss er sich nun in seinem Zimmer ein. Wir waren beide in gewissem Maße für die Anarchie, aber Tom schien davon wie besessen zu sein. Er strich sein Zimmer schwarz an, verhängte die Fenster mit dunklen Tüchern, stellte überall schwarze Kerzen auf und saß zurückgezogen und in Gedanken versunken auf seinem Bett. Trotzdem war er in der Schule ein sehr guter Schüler, ich weiß bis heute nicht, wie er das gemacht hat. Ich selber hatte immer ein wenig zu kämpfen. Das lag wohl auch daran, dass ich dann einen Freund hatte, den ich auf einem Rockkonzert kennenlernte. Tom konnte ihm aus irgendeinem Grund nicht leiden und wir stritten immer öfters. Ich liebte meinen Freund und war glücklich mit ihm, aber Tom liebte ich auf eine gewisse Art und Weise auch – als sehr guten Kumpel eben – und wenn ich sah, wie er sich gehen ließ, ging es mir auch schlecht. Tja, dann kam der Tag, der einiges veränderte. Mein Freund flog für ein für seine Firma wichtiges Meeting nach Amerika und ich beschloss, Tom mal wieder einen ausgiebigen Besuch abzustatten. Was ich sah, tat mir weh: er hockte auf seinem Bett, in der Hand eine Flasche Bier, und auf dem Boden standen und lagen noch etliche leere Flaschen und zerknüllte Dosen herum. Das Zimmer war wieder verdunkelt, doch mein Blick blieb an etwas weißem auf seinem Tisch hängen. Mein Mund wurde trocken und ich griff danach. Es stellte sich als –

Nein, gegen eine Tasse Kaffee hätte ich nichts einzuwenden. Dankeschön. Haben sie Milch? Achja, hier.

Jedenfalls stellte es sich als Speed heraus! Auf dem Tisch lagen bereits einige fein säuberlich gezogene Lines und ein zerknüllter 100-Euro-Schein. Ich schrie Tom an, was er sich dabei gedacht habe. Wahrscheinlich nichts. Ich war so schockiert, dass ich gar nicht merkte, wie die Tränen an meinen Wangen herunterliefen. Warum hatte er das nur getan? Und ich hatte es nicht bemerkt, es nicht verhindert, als gute Freundin war ich mindestens eben so schuldig!

Äh, nein, ich will nicht zum Psychologen. Ich denke, meine Schuldgefühle sind eigentlich vorbei. Hoffe ich...

Wir saßen den ganzen Nachmittag nebeneinander und redeten, weinten und erklärten. Was ich von Tom erfuhr, fand ich für mich beschämend, denn ich hatte die ganze Zeit nichts bemerkt! Er erzählte, dass er seinen Abschluss wahrscheinlich nicht schaffen würde, etliche Briefe von seiner Klassenlehrerin an seine Mutter unterschlagen habe, sein Opa, zu dem er einen sehr engen Kontakt hatte, an einem Herzinfarkt gestorben sei und vor lauter Sorgen sei er in die Drogenszene reingerutscht. Hatte es am Anfang nur probieren wollen, kleine Dinge, leichte Pillen. Sie hätten seinen Kopf schön frei geräumt und schwebend gemacht, und er konnte durch sie seine Probleme für eine Zeit vergessen. Als ich ihn fragte, warum er nicht zu mir gekommen sei, antwortete er, ich wäre doch nur mit meinem Freund beschäftigt gewesen. Das stach mir ins Herz. Er sagte mit bebender Stimme, dass er so nicht weiterleben könne und wiederholte immer wieder: „Lisa, die Freiheit findest du nur im Tod.“. Ich versuchte ihm zu erklären, dass es immer einen Ausweg gäbe und ich ihm wieder richtig aufhelfen würde. Aber ich bin mir nicht sicher, ob er überhaupt richtig zugehört hat. Vielleicht war er schon zu besessen von der Idee, als dass ich noch etwas hätte ausrichten können. Außerdem hatte ich das Gefühl, dass ihn noch etwas bedrückte, aber ich bedrängte ihn nicht weiter. Warum nur nicht? Uns wäre vielleicht einiges erspart geblieben. Im Hintergrund lief melancholische Musik, und wir heulten weiter, umarmten uns und pressten unsere schwarzen Herzen aneinander. Irgendwann am Abend ging ich dann, denn mein Kopf dröhnte vor Schmerzen und ich bekam Reizhusten.

Ja, in dieser Nacht ist es dann passiert. Nein, mir ist nicht kalt, ich zittere nur...so.

Ich wurde früh vom Telefon geweckt. Es war Toms Mutter. Weinend, kreischend, verzweifelt. Ich verstand erst gar nichts, bis ich mir durch die tränenerstickte Stimme klar machen konnte, was passiert war. Tom war gesprungen, von der Stadtmauer in den kalten, blassen Sternenhimmel und in den sicheren Tod. Mein Herz krampfte sich zusammen, in meinem Kopf rotierte es nur noch: Du bist Schuld. Du hast ihn alleine gelassen. Du bist Schuld. Ich zog mich an und lief zu Toms Wohnung. Nein, zur Wohnung von Frau Dirkovitz. Sie öffnete mir die Tür mit geröteten, angeschwollenen Augen und als ich eintrat, sah ich sofort auf dem Dielentisch einen weißen Umschlag liegen, auf dem „Für Lisa persönlich“ stand. Seine Mutter gab ihn mir und umarmte mich kurz. Sie muss gewusst haben, was ich Tom bedeutet habe. Dann ging sie in das Wohnzimmer und telefonierte leise mit den Verwandten. Unschlüssig stand ich in der Diele herum. Auf dem Weg zur Stadtmauer schließlich ritzte ich Toms Brief mit meinem Taschenmesser auf und begann zu lesen.

Wenn Sie mich nicht dauernd unterbrechen würden! Nein, ich will nicht, dass Sie den Brief lesen, er ist sehr persönlich. Das ist mir egal, ob es ein wichtiger Beweis ist! Ich werde vorlesen, was ich für geeignet halte. Na gut, fast alles, ja? Keine Panik.

„Lisa!
Wenn du das hier lesen solltest, fliege ich schon der Freiheit entgegen. Aber du sollst wissen, warum ich es tun musste. Natürlich habe ich dir von meinen Problemen erzählt, die auch alle existieren. Aber es gibt noch ein größeres, und die Last daran erdrückt mich. Ich liebe dich. Besser gesagt, ich habe dich geliebt, denn nun wird mein Herz nicht mehr schlagen. Es tat weh, dich so glücklich mit deinem Freund zu sehen. Ich kam mir ausgeschlossen vor, dabei quollen noch so viele „Weißt-du-noch?“ in mir hoch. Ich kann nicht wahrhaben, dass ich dich an diesen Idioten verloren habe. Und du hast die ganze Zeit nichts gemerkt, stimmts? Ich weiß auch nicht, warum ich es dir nicht gesagt hatte. Ich war feige, hatte Angst vor einer grausamen Verneinung. Lieber wollte ich weiter in dem Glauben leben, dass du vielleicht doch etwas für mich empfindest. Und in diesem Glauben möchte ich nun auch sterben. Gestern Abend hast du etwas gesagt, was mir das Sterben sehr viel einfacher gemacht hat: Dass ich der wichtigste Mensch in deinem Leben war, bin und sein werde. Ich danke dir dafür. Bitte sei nicht traurig oder mach dir irgendwelche Schuldgefühle. Ich alleine stehe für meine Entscheidungen.
Da vorne ist ein weißes Licht, sieh nur, ganz hell ist es! Ich werde aufspringen, der Freiheit entgegen!
Tom“

Danke für das Taschentuch. Entschuldigung, jetzt kommt alles wieder hoch.

Ich weinte ziemlich heftig. Liebe! Damit hatte ich ja gar nicht gerechnet. Seufzend legte ich meinen Kopf in den Nacken und sah nach oben. Dort, die alte Stadtmauer. Ich wusste, warum er sich gerade diesen Ort ausgesucht hatte. Wir saßen oft hier oben, erzählten uns von unseren Träumen und unserer Zukunft. Wir wollten nach dem Tod beide verbrennen und unsere Asche sollte von hier oben aus in den Sonnenuntergang gestreut werden... Ich hockte mich hin, den Kopf in den Händen und schrie meinen ganzen Frust, meine Trauer, mein Entsetzen heraus. Ein kühler Wind strich über den leeren Platz und ich hatte das Gefühl, innerlich an seinem Tod zu erfrieren. Irgendetwas kleines, schwarzes verschwamm vor meinen Augen... ich riss sie auf und tastete danach. Es war das kleine, blanke, schwarze Plastikherz. Das Lederband war zerissen, wahrscheinlich vom Aufprall. Ich nahm es in meine Fäuste und spürte Toms Hände darin wieder.

Ob ich es noch habe? Ja, hier. Aber ich werde es an Toms Handgelenk binden, bevor sich der Sarg schließt. Wir bleiben verbunden, für immer und ewig. Nein, meinen Freund habe ich nicht mehr. Ich liebe ihn immer noch, aber ich brauche Abstand nach dieser Sache. Kann an nichts anderes denken als an Toms Absprung in das Totenreich. Ich werde das wohl nie vergessen. Ruhe in Frieden, Tom.

©by sue



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