humAn desAster[ Todeselfe|n fürchten sich]

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Also, wie vielleicht einige von euch wissen, hab ich ja vor längerer Zeit mal angefangen, eine Geschichte zu schreiben, die ich auf einigen Websites auch online gestellt habe. (Das heißt aber nicht, dass sie beendet ist.) Naja, ich stell sie einfach mal hier rein... Titel der Geschichte ist - wie am Link unschwer zu erkennen - "Fallen Angel". Sie wird wohl von Zeit zu Zeit mal ergänzt werden, also haltet euch einfach auf dem Laufenden.

Fallen Angel

I

Mein Kopf schmerzt fürchterlich, als ich nach dem Sturz die Augen aufschlage. Ein grelles Licht blendet mich, sodass ich noch ein paar Minuten zusammengekauert liegen bleibe, die Wunden am ganzen Körper spürend. Aus meiner Hand fließt warmes Blut, es saugt sich in meine Kleider und tropft auf den staubigen, grauen Boden, wo es sich mit dem sanften Regen, der auf mich herunterprasselt, vermischt und davon geschwemmt wird, unbeachtet, ungekannt. Langsam taste ich mich zu meinem Gesicht vor, erfühle die Schrammen, die zerrissenen Lippen und umfahre mit dem Finger vorsichtig eine tiefere Wunde, die sich wie ein Krater meine rechte Wange hinunterzieht. Mühsam versuche ich mich aufzurichten. Über mir ist eine undurchdringliche, grauweiße Wolkendecke, ich selbst hocke auf einer endlos langen Straße, die am Horizont immer schmäler wird und schließlich ganz verschwindet. Ich sehe an mir herunter, trage ein fußknöchellanges, silbrig-weißes Kleid, dass jedoch nicht meine nackten Schultern bedeckt. Wer bin ich? Angestrengt versuche ich, den Namen zu finden, der mir soviel sagen müsste. Bedächtlich mache ich zwei Schritte vorwärts, doch schon endet mit einem Aufschrei meine angetretene Heimreise- oder wohin sonst mich der Weg führt. Anscheinend ist mein Knöchel verstaucht, er ist ziemlich dick und schillert jetzt schon in einer faszinierend grünen Farbe. Ächzend rappele ich mich auf und humple vorwärts, immer auf der Lauer, den Motor eines näherfahrenden Autos zu hören, doch nichts geschieht. Ich bin müde, hungrig, verletzt und zerschlissen- und auf der verzweifelten Suche nach meiner Existenz. Denn nicht mal ein Alter fällt mir ein, geschweige denn die Herkunft.
Es regnet jetzt sehr stark, als ob die Wolken an ihrem Bauch aufgeschlitzt worden wären und die Wassermassen nun mit Getöse über mir zusammenbrechen würden. Ich spüre keine Wunden mehr, sie sind ausgewaschen, und hinterlassen leere, weiße Höhlen in meiner Haut. Schniefend bahne ich mir meinen Weg, bis ich plötzlich über einen Stein stolpere und mich der Länge nach zwischen Straße und Gras wiederfinde. Erschöpft bleibe ich liegen, ich habe keine Kraft mehr, aufzustehen und gegen den Sturm anzukämpfen. Der Wind fegt eisig und erbarmungslos über mich hinweg; am ganzen Körper zitternd rolle ich mich zusammen wie ein Baby und versuche in den Schlaf zu finden, erbärmlich und hilflos schluchzend.

II

Meine Glieder sind völlig gefroren, als ich am nächsten Morgen aufwache, die aufgehende Sonne versucht sie aber bereits zu erwärmen. Mühsam richte ich mich auf, mein Rücken schmerzt. Ich muss wohl die ganze Nacht auf etwas gelegen haben, etwas sehr weichem, jedoch zugleich ungeheuer kräftigem. Ich taste vorsichtig nach hinten und spüre einen Federflaum, viele einzelne, kleine Federn, die an einem großen Bogen zu heften scheinen. Panisch verrenke ich mich, um das gesamte Ausmaß zu erkennen, und plötzlich dämmert es mir... ich habe zwei große, weiße Flügel! Sie reichen von der Schulter bis zum Po, durchzogen mit feinen Sehnen. Die Erkenntnis trifft mich wie ein Schlag, ich zucke zusammen und gleichzeitig bewegen sich meine Flügel, sachte, zart, fast wie ein kleines Niesen. Wie ein Neugeborenes, dass zum ersten Mal seine Umwelt wahrnimmt und auf sie reagiert. Ein Engel? Ich bin ein ENGEL? Jetzt wird mir auch dieses komische, silbrige Kleid klar, dass ich da trage. Aber warum? Mein Gedächtnis versucht, die Puzzleteile zusammenzufügen, doch noch fehlen zu viele, um das Mosaik an Details zu vervollständigen und es zu präsentieren... Der Schrei eines Hahnes reißt mich aus dem Grübeln, ich sehe auf und bemerke ein Dorf, dessen Orteingangsschild sich nur wenige Meter neben der Stelle, an der ich gestern hingefallen war und die Nacht verbracht hatte, befindet. „Tollenstein“ kann ich entziffern, bevor ich mich auf die Suche nach einer Unterkunft mache. Ich stoße auf ein Gasthof mit dem Namen „Zur Engelsschenke“, und schon wieder steigt dieses flaue Gefühl in meinem Magen auf. ‚Einfach nicht beachten’, murmle ich vor mich hin, doch bevor ich eintrete, wird mir eines bewusst: Mit diesen Flügeln wird man mich nicht akzeptieren. Ich lehne mich gegen die Hauswand und atme tief durch. Werde ich diese Flügel jetzt ein Leben lang verbergen müssen? Wo komme ich her? Wegen was bin ich hier? Mein Blick fällt auf das Nachbarsgrundstück und auf eine Spieldecke der Kinder, die mit Bausteinen, Kreiseln und Malzeug belagert ist. Es ist in dem Moment meine einzige Möglichkeit- also rüber über den Zaun, schnell die Spielsachen beiseite geräumt und schon habe ich wenigstens eine notdürftige Verbergung meiner „Anhängsel“. Ob Flügel wohl auch fühlen? Ich ziepe ein paar Federn aus dem dichten Pelz, lasse es jedoch gleich wieder sein, da es ein unangenehmer Schmerz ist- eine Mischung aus Haare- Ausreißen und dieses Unbehagen beim Wachsen der Glieder.
Nun erst betrete ich die Schenke. Bis auf den Wirt, ein ekliger alter Fettsack, der mit ein paar – wie es scheint – schon am Morgen saufenden Stammkunden Skat spielt, ist das Gasthaus leer. Es riecht muffig nach alten Möbeln, widerlich nach Schweiß und erdrückend nach Essen. Tische und Stühle sind zerkratzt und weisen Splitter auf, und die Keksschalen, die zum Appetitanreger für Gäste gedacht sind, sind entweder leer oder nur noch mit vergammeltem Kuchen gefüllt. All diese Eindrücke nehme ich rasend schnell in mir auf, und deswegen entgeht mir auch der lüsterne Blick des Wirtes nicht, als er sagt: „Hey, seht euch die Puppe an, die es in unser Örtchen verschlagen hat!“ Seine Kumpanen heben träge den Kopf, nicken mir zu oder pfeifen anerkennend.
Ich lächele, bemüht, einen guten Eindruck zu machen, auch wenn ich nach dieser Zeit, die ich hier werde übernachten müssen, keinen Bedarf habe, diese Männer jemals wiederzusehen. „Ich war auf einem Ball- deswegen auch das Kleid- und wollte Per Anhalter wieder nach Hause fahren. Der hat mich aber einfach hier abgesetzt“, lüge ich, bemüht, nicht rot zu werden. „Soso“, sagt der Wirt schmierig grinsend, „und mehr hattest du nicht dabei? Ihr Mädels geht doch nicht mehr aus dem Haus ohne diese Designer- Handtaschen, in dem Handy und Make– up unbedingt vorhanden sein müssen!“ – „Er hat sie mir entrissen und mich danach rausgeworfen“, erkläre ich, worauf der Wirt – er ist ja so schlagfertig- antwortet: „Na, vielleicht will er sich auch mal ein bisschen schön machen!“ Seine Saufkumpanen brüllen vor Lachen, und er selbst kriegt sich vor Stolz über seine Bemerkung kaum noch ein. Als er sich wieder beruhigt hat, nickt er mit dem Kopf nach oben und sagt: „Scheinst kaputt zu sein, ruh dich erst mal aus. 1. Gang, 2. Tür links ist das Gästezimmer.“
Der erste gute Satz, den ich heute morgen gehört habe.

III

In meinem Zimmer angekommen schlüpfe ich zuerst aus meinem Kleid, dass unter der auf der Straße verbrachten Nacht ziemlich gelitten hat. Es ist schmutzig und riecht unangenehm – ganz anders als meine Flügel, die schmutz- und wasserresistent sein müssen. Ich wasche es schnell und vorsichtig mit der Hand im Waschbecken aus und hänge es zum Trocknen über die warme Heizung. Mein Riss über der Wange brennt, und meinem Knöchel geht es nach der Humpelei auch nicht viel besser. Ich halte ihn 15 Minuten unter das immer kälter werdende Wasser, bis die Schwellung allmählich zurück geht. Dann nehme ich eines der Handtücher, die frisch gestärkt über dem Halter hängen, tauche es in das Nass und schlinge ihn um meinen Fuß. Ich setze mich abwartend auf die Couch und die Wärme im Zimmer und die Erschöpfung des letzten Tages lassen mich schnell in einen tiefen Schlaf hinübergleiten...
Als ich wieder aufwache, dämmert es schon. Von irgendwoher höre ich gedämpftes Gitarrenspiel, die traurige Melodie stimmt mich ganz melancholisch. Ich habe Sehnsucht, Sehnsucht nach den Freunden und der Familie, an die ich mich nicht erinnern kann, Sehnsucht nach Liebe und Geborgenheit und nach der Wahrheit über mich selbst. Stattdessen sitze ich hier in einem schmuddeligen Gasthaus fest; die Essensdünste erinnern mich grob daran. Nichtsdestotrotz regt sich bei diesem Geruch mein Magen, der schon lange nichts ordentliches mehr bekommen hat. Ich streife mir rasch mein Kleid, dass heiß und anschmiegsam ist, über, und schlinge meine Decke um mich. Danach begebe ich mich auf die Suche nach etwas Essbarem. Die Wirtin, eine kugelrunde, rotwängige Frau, hat mir netterweise einen Teller mit zünftigem Essen hingestellt- Spiegelei, Butter, Schwarzbrot, Wurst und Käse und ein großes Glas Wein lassen mir das Wasser im Munde zusammenlaufen. Nach meiner dritten Scheibe gesellt sich der Wirt zu mir. „Na, bist wohl hungrig, junges Fräulein?“ Ich nicke kauend. „Wo kommst du eigentlich her?“, will er wissen. Ich verschlucke mich vor Schreck an dem Brot und huste laut. Er klopft mir auf den Rücken und sagt: „Na, na, erst hinterkauen, dann reden!“ Ich bin wütend, sehe ich vielleicht aus wie ein Kleinkind? Zur Beruhigung nehme ich einen Schluck Rotwein- er schmeckt hervorragend. Auch der Wirt lässt von seiner Frage ab und holt sich schließlich ein Glas, und wir sitzen da und trinken mehrere Flaschen von dem süßen Gesöff, während er mir seine Eheprobleme mit seiner Frau klagt, die schon früh zu Bett gegangen ist. Irgendwann schwanke ich hoch in mein Zimmer, benebelt und sehr, sehr müde. Ich lasse mich auf mein Bett fallen und versinke sofort in einen unruhigen Schlaf.
Mitten in der Nacht werde ich durch ein klickendes Geräusch urplötzlich wach. Ich lausche irritiert, bis mir klar wird, dass dies der Drehknauf an meiner Zimmertür ist - jemand macht sich daran zu schaffen! Ich liege starr vor Angst da, stelle mich jedoch schlafend. Meine Glieder sind gefroren und mein Herz pocht unnatürlich wild, alle Sinne sind bis zum Äußersten geschärft. Die Person hat ihr Ziel jetzt erreicht und ich lausche dem Knacken der Dielenbretter, die mir verraten, dass sie näher kommt. Dann jedoch passiert etwas, womit ich nicht gerechnet hätte: Dieser Jemand macht sich an meiner Bettdecke zu schaffen und versucht, mein Kleid hochzuschieben! Doch meine Reaktionen sind schneller, ich reiße die Augen auf, erkenne den schemenhaften Umriss des Wirtes und verpasse ihm eine Ohrfeige mit all meiner Kraft! Er taumelt, und ich springe aus dem Bett, im Bewusstsein, dass er stärker ist als ich und mir mühelos wehtun kann. Er versucht lallend meinen Arm zu packen. Ich reiße mich los, gucke mich panisch um und entdecke eine chinesische Vase auf dem Fensterbrett, die ich ihm in meiner Verzweiflung blindlings auf den Kopf schlage. Ein knackendes Geräusch, ganz ähnlich, wenn ein Baum an seinen Wurzeln abbricht, zerreißt den stummen Kampf, und der Wirt sackt zu Boden. Ich verliere keine Zeit, rase ins Badezimmer, greife nach Seife, Handtuch und Creme und mache mit meiner Decke ein Bündel daraus, bevor ich aus dem Zimmer und fast im Dunkeln die Treppe hinuntergestürzt wäre. Durch den Lärm ist auch die Wirtin wach geworden, ich höre ihr verschlafenes Rufen vom oberen Geländer aus, doch beachte es nicht und schlage die Gasthaustür hinter mir zu.
Die kalte Luft draußen trifft mich wie ein Keulenschlag, plötzlich habe ich einen klaren Kopf und meine Glieder erwachen zum Leben. Ich renne los, so schnell ich kann, die graue Straße entlang. Der eisige Wind fährt in meine Lungen, füllt sie im Übermaß und gibt meinem Gehirn genügend Sauerstoffnachschub zum Nachdenken. Doch wohin ich soll, weiß ich trotzdem nicht. Ich setzte automatisch einen Fuß vor den anderen; Kälte, Hunger und Müdigkeit bleiben unbemerkt. Nach einer langen Zeit, wie es mir vorkommt, gibt mein Körper auf. Ich falle schwer keuchend neben einem Baumstumpf, ziehe die Beine an meinen Körper und vergrabe meinen Kopf in meinen Armen. Erst jetzt, als ich zur Ruhe gekommen bin, drängen sich meine Gefühle heraus. Ich beginne, unkontrolliert zu schluchzen, zittere, atme heftigst – ein Schockzustand. Tränen brechen gewaltsam aus meinen Augen, und das Weinen geht in einen tiefen, fast tierischen Klagelaut über.

IV

Meine Augen sind rot und geschwollen, als ich am nächsten Morgen mit einem dröhnenden Kopf erwache. Ich fühle mich schmutzig und verbraucht, habe ein richtiges Ekelgefühl vor mir selbst. Wer weiß, was dieser Kerl noch mit mir angestellt hätte, wenn ich nicht... Plötzlich springe ich auf, stehe wie betäubt da und starre in den Himmel. Mein Herz rast – mir ist es wie Schuppen von den Augen gefallen. Es muss dieser Schock gewesen sein, die Angst und Panik, die ich letzte Nacht durchlebt habe.
Gestatten, meine Name ist Sina. Ich bin ein schwarzhaariger, wildgelockter 17- jähriger Engel, der grüne Augen mit einem Schuß Orange darin hat, und ausgesprochen tollpatschig ist. Ich lebe zwar über den Wolken, doch es wird bei uns nicht Himmel genannt - sondern Engelspforte. Es ist wunderschön dort. Ein jeder Bewohner hat ein süßes, kleines Haus mit einem Vorgarten, in dem die wundersamsten Kräuter und Pflanzen wachsen. Die Wolken sind nur Gehwege zwischen den Häusern und Pärken, der Gemeinschaftswiese und dem „Engelparadies“ – hier können wir faulenzen, entspannen und Spaß haben. Wie jeder andere müssen wir nämlich auch arbeiten. Sobald man 16 Jahre alt ist, bekommt man einen Menschen der Erde zugeteilt- egal ob Kleinkind, Jugendlicher oder Erwachsener, den man beschützen soll. Die Menschen wissen nicht so recht, ob sie an uns glauben sollen, sprechen aber schon mal vom „Schutzengel“, der sie durch eine missliche Lage gebracht hat. Dann sind wir stolz und wissen, dass wir unseren Job gut gemacht haben. An meinem Geburtstag wurde mir 18- jähriger Junge zugeteilt. Er war so hübsch und ich hatte Angst, mich in ihn zu verlieben. Doch da war ich nicht die einzige- ich hatte bei ihm genug zu tun, angefangen über Herzen, die er den Mädels immer wieder brach, bis hin zu seinen nachpubertären Jungenstreichen (Das Loch in der Wand zur Mädchendusche war noch das kleinste Übel.) Wie auch immer, vor kurzem raste er mit seinem Fahrrad einen Berg hinunter, und ich sah ein schnelles Auto aus der Seitenstraße kommen. Ich war so geschockt, dass irgendetwas in mir meine Engelskräfte geblockt haben musste – ich konnte nicht eingreifen und sah, wie er nach dem unabwendbaren Zusammenprall schwer verletzt am Boden lag. Ich hatte versagt, und machte mich erschüttert auf den Weg zum Engelshauptsitz, um meinen Fehler zu melden. Wie ich erwähnt habe, bin ich sehr tollpatschig und schusselig – und dies wurde mir nun zum Verhängnis. Ein spitzer Stein, der auf einer Wolke festgewurzelt war, brachte mich zum Sturz, und da ich in dem Moment voll von Panik und der schweren Luft, die mich in Richtung Erde herunterzog, so benebelt war, schlug ich ohne jede Abbremsung dort auf dem Boden auf. Deswegen auch der kurzzeitige Gedächtnisschwund...doch was jetzt, da ich mich wieder erinnern kann? Natürlich, meine Freunde und Kollegen dort oben werden mich schon vermissen und suchen, doch Engel auf der Erde können – selbst von anderen Engeln – nur sehr schwer geortet werden. Man könnte ja in einer geheimen Mission unterwegs sein!
Ich schüttele missmutig den Kopf, als ob dies die dunklen Gedanken verscheuchen könnte. Ein Motorengeräusch nähert sich, ich ziehe meine Decke enger um mich. Das Auto kommt mit quietschenden Reifen neben mir zum Stehen, eine Frau steigt aus. Ein Gefühl der Erleichterung durchflutet mich – kein schmieriger Typ, der mich wieder bedrängen könnte. Die Frau hat eine Sonnenbrille mit verspiegelten Gläsern auf, ihr hellbraunes, mit blonden Strähnchen durchzogenes Haar wippt in einem flotten Pferdeschwanz und der Jeansrock kombiniert mit einem grünen Pullover zeugt von einem guten Geschmack. „Hallo“, sagt sie freundlich lächelnd, schiebt ihre Sonnenbrille auf den Kopf und offenbart ein zugängliches Gesicht. Ich nicke stumm und murmle ein leises „Hi“. Wenn ich etwas gelernt habe, dann ist es, vorsichtig zu Fremden zu sein. „Du sahst ziemlich verlassen aus, und der Weg bis zur Stadt ist noch recht weit. Deswegen dachte ich-“, sie deutet auf das silberne Cabrio, „- dass du vielleicht mitgenommen werden möchtest?“ Meine Gedanken rasen, was, wenn sie mich unterwegs überfällt? ‚Doch ich habe ja eh nichts wertvolles an mir’ denke ich bitter. Und ein ordentliches Hotel wäre jetzt gut...ja, ein schönes Schaumbad und ein federndes, weiches Bett... „Was nun?“, fragt sie etwas ungeduldig. „Ja, gerne!“, antworte ich froh und mir gelingt sogar ein Grinsen. „Gut. Kannst dein Bündel ruhig hinten reinwerfen. Steig ein!“ Der Fahrtwind ist bitter kalt, und ich versuche, mir warme Gedanken zu machen. „Wie heißt du eigentlich?“, fragt sie mich nach einer Weile. „Sina, und Sie?“, antworte ich. „Kannst mich ruhig duzen, so alt seh ich noch nicht aus, oder?“ Sie wirft einen fröhlichen Blick in den Spiegel. „Ich heiße Lisa.“ Ich nicke, wie zur Bestätigung, dass sie bestimmt so heißt und schaue wieder aus dem Fenster. Meine Gedanken beschäftigen mich zu sehr, als dass ich mich auf eine richtige Konversation einlassen könnte. Lisa fummelt an den Knöpfen ihres Autoradios herum und Sekunden später ertönt die Anfangsmelodie von „Send me an angel.“ Ja, denke ich bitter, das wär jetzt nicht schlecht, am besten Mareike. Mareike ist meine beste Freundin in Engelspforte und während meiner Abwesenheit schaut sie meistens nach meinen Kätzchen.
Lisa zieht ein Päckchen Lucky Strike aus dem Handschuhfach, klamüsert sich eine Zigarette heraus und bietet auch mir eine an. Als ich ablehne, zuckt sie mit den Schultern, zündet sich den Klimmstängel an, inhaliert tief und bläst den Rauch in kleinen Kringeln langsam heraus. Sie wirft mir einen schnellen Blick zu und fragt ruhig: „Sag mal, Sina, wo kommt ein so niedliches Mädchen wie du eigentlich so gottverlassen daher?“ Die Frage kommt plötzlich, und sie trifft so pfeilsicher ins Schwarze, dass ich mich frage, ob sie etwas weiß...

V

Ich spüre förmlich, wie mein Kopf eine immer dunklere Rot- Schattierung annimmt. Verflixt, im Lügen war ich noch nie gut... Ich räuspere mich und sage mit entschlossener Stimme: „Ich komme aus Tollenstein, will meinen Onkel mal besuchen. Er wohnt in...in...“ Ich mache eine Kopfbewegung in Richtung der Stadt. „Leipzig?“ , fragt Lisa und ich kann deutlichen den zweifelnden Unterton in ihrer Stimme heraushören. „Ja, genau“, erwidere ich erleichtert, „er hat Geburtstag. Du weißt schon wie das ist- die ganze Familie hat etwas besseres zu tun, und einer muss sich dann im Namen aller sehen lassen. Diesmal hat es mich getroffen“, sage ich, stolz auf meine gute Ausrede. Wer kennt das nicht – Familienfeiern, auf denen man anstandshalber erscheint, obwohl sie einem den Schlafsand in die Augen treiben. Doch meine Illusionen werden zerstört. „Barfuß?“, höre ich sie ungläubig und verächtlich fragen. Ich weiß nicht, was ich darauf sagen soll und schweige. Es ist offensichtlich, dass sie weiß, dass ich nicht zum Geburtstag eines vermeintlichen Onkels gehe. Sie packt das Lenkrad fester und schaut geradeaus auf die Straße. Nach ein paar Minuten, als hätte sie sich erst überlegen müssen, wie sie es mir sagen soll, sagt Lisa sanft: „Sina... Ich arbeite bei „Pro Jugend“. Wir helfen Kindern und Jugendlichen mit ihren Problemen. Schwangere Mädchen kommen zu uns, andere werden geschlagen oder missbraucht-“ Bei diesem Wort geht mein Herz schneller und ich setze mich kerzengerade hin, während Lisa mit hochgezogenen Augenbrauen fortfährt: „Und wieder andere laufen fort, weil sie es zu Hause nicht mehr aushalten.“ Aha. Was will diese Frau von mir? Fährt sie hier die Straßen auf und ab, um Gefährdete wie mich einzusammeln wie Müllsäcke? „Tja, also...falls du reden willst- ich helfe dir gerne.“, sagt sie leise und sieht mir prüfend in die Augen.
Die Fahrt vergeht ab da schnell, und bald sind wir in Leipzig. „Kannst du mich dann bitte am Hauptbahnhof rauslassen, Lisa?“ Sie schaut mich an, als wäre ich verrückt, nickt aber folgsam und biegt nach rechts in die Straße vor dem Bahnhof ab. Nachdem sie den Motor ausgemacht hat, ist es kurz still im Auto. Ich mache Anstalten, auszusteigen, doch plötzlich kramt sie in ihrer Tasche herum, holt schließlich einen Zettel und einen Stift heraus und schreibt etwas auf das Papier. Sie reicht es mir und sagt: „Les es draußen, ja? Ich wünsch dir noch viel Glück bei allem, was du jetzt tun wirst. Machs gut!“ Sie beugt sich zu mir herüber und umarmt mich kurz. Ich bedanke mich und steige aus. Nachdem sie, von meinem Dauerwinken begleitet, weggefahren ist, entfalte ich hastig den Brief und lese:

„War nett dich kennengelernt zu haben, Sina. Ich biete es dir noch mal an – falls du reden willst, komm zur Augsburger Straße Nr. 6 hier in Leipzig. Lisa“

Tatsächlich muss ich dreimal hinschauen und kann erst mit zusammengekniffenen Augen entziffern, dass es „Lisa“ heißen soll. Macht sie das immer so oder will sie ihren Namen vertuschen? Doch meine Gedanken werden von dem lauten Trubel am Bahnhof unterbrochen. Eine bunte Leuchtreklame macht mich auf das Warenhaus „Streetwear“ aufmerksam, und ich erinnere mich, dass ich umgeben von all den Leuten wohl ziemlich komisch aussehen muss, mit meinem langen, weißen Kleid und der warmen Decke um die Schultern. Ich erinnere mich des Engel- Notfalls: Ist man unter Menschen und braucht dringend etwas, so muss man fest daran denken, bis der Engelsrat entschieden hat, ob es notwendig oder unnütz ist. Ich klammere mich in Gedanken an Menschengeld, dass ich hier wohl oder übel brauchen werde. Kurz darauf – der Engelsrat muss wohl gerade getagt haben, denn es ging echt schnell für den langsamen Bund der pausbäckigen Engel- spüre ich etwas in die Seitentaschen meines Kleides fallen. Ich betrachte das Menschengeld und verschwinde im Kaufhaus. Nach zwei Stunden und um ein hübsches Sümmchen Geld ärmer, aber um Klamotten, die die Leute hier als „echt cool“ bezeichnen reicher, komme ich wieder heraus. Meine Füße stecken jetzt in spitzen, schwarzen Pfennigabsatzstiefeln, die dunkelblaue Jeans sitzt wie angegossen und der große, weite Pullover verbirgt meine Flügel. In die neuen T- Shirts werde ich wohl Löcher schneiden müssen, damit die Flügel mich nicht drücken, sondern dort hinauskönnen. Auch bei der Unterwäsche, die mich sexy und verführerisch angeblinkt, kann ich nicht widerstehen. Erledigt suche ich mir schließlich ein kleines Hotel. Der Portier lächelt mich an und überreicht mir die Schlüssel für ein niedliches Zimmer, das ins Grüne zeigt. Ich krame müde den Zettel von Lisa aus meiner Tasche, glätte ihn und lege ihn gut sichtbar auf den Schreibtisch. Morgen werde ich über das Angebot nachdenken...

VI

Helle, warme Sonnenstrahlen wirbeln Staub im Zimmer auf, der in meine Nase kriecht und mich mit einem lauten Niesen zum Aufwachen bringt. Wohlig räkele ich mich und gähne herzhaft. Dies war eine herrliche Nacht im weichen, großen Federbett - endlich mal ausgeschlafen. Mein Blick fällt auf den Wecker auf dem Nachttisch, der 11:28 Uhr anzeigt. Ich strecke mich ein letztes Mal und springe dann entschlossen aus dem Bett. Während die Dusche schon mal warm läuft, putze ich mir rasch die Zähne und schneide mit einer Nagelschere, die ich im Badschrank gefunden habe, vorsichtig Löcher in meine Oberteile. Nachdem ich ausgiebig und heiß geduscht habe und das nette Gefühl, endlich mal „ordentliche“ Kleidung anzuhaben besitze, beschließe ich, mir in der Stadt etwas kleines zu Essen zu gönnen. Als ich meine Tasche schnappe, die auf dem Tisch steht, fege ich aus Versehen noch etwas mit herunter. Ich bücke mich und erkenne Lisa’s Zettel. ‚Du bist weder schwanger noch von zu Hause weggelaufen!’ tönt es in meinen Kopf. ‚Aber du könntest sie noch gebrauchen!’, sagt eine kleine Stimme warnend, und ich klemme ihn seufzend unter die Schreibtischlampe.
Für das Mittagessen wähle ich ein Schnellimbissrestaurant im Bahnhof. Es ist gerammelt voll, und ich quetsche mich mit meinem Essen zwischen eine völlig überfordert aussehende Mutter mit ihrem plärrenden Kleinkind und zwei Girlies, die aufgeregt Sticker tauschen. Verstohlen lasse ich meinen Blick umherschweifen, ob nicht etwas anderes frei wird. „DENNIS, NEIN!“ Ich zucke zusammen bei dem warnenden Schrei der Mutter neben mir und sehe kurz darauf erleichtert, wie eine Horde Jungen lärmend aufstehen, sich anziehen und bis auf einen von ihnen, der über einen Comic gebeugt dasitzt, das Restaurant verlassen. Ich zögere, doch als das Kind neben mir ein Wutgeheul ausstößt und beginnt, seine Mutter mit den Fäusten zu traktieren, steht mein Entschluss fest. Hastig nehme ich mein Tablett und gehe zu dem freigewordenen Tisch. Als der Junge nach oben blickt, zieht sich mein Magen aufgeregt zusammen – trotz der zerschürften Nase und den vielen Wunden, die sich über seine Arme ziehen, ist er sehr hübsch. Seine blondes Haar hängt ihm lässig in die Augen, die haselnussbraun leuchten und dieser Anblick kommt mir so bekannt und vertraut vor, als ob ich ihn schon länger kennen würde. „Ähm...kann ich mir hierhin setzen oder kommen deine Kumpel gleich wieder zurück?“, frage ich mit einer seltsam hohen Stimme. Er grinst mich an und sagt: „Nein, die sind ins Computergeschäft nebenan. Setz dich ruhig.“ Erleichtert stelle ich meine Sachen ab und frage beiläufig: „Und warum haben sie dich hier gelassen?“ Sein Gesicht nimmt einen verdrossenen Ausdruck an und ich könnte mich ohrfeigen, dies gefragt zu haben. „Ich kann noch nicht soviel herumlaufen“, antwortet er missmutig und deutet auf grüne Krücken, die an den Tisch gelehnt sind und die ich bis jetzt noch nicht bemerkt habe. „Oh...was ist denn passiert?“, sage ich erschrocken, und habe das dumme Gefühl, dass ich weiß, was für eine Story nun kommt. Ich füge hinzu: „Natürlich nur, wenn du’s erzählen willst.“ Doch ich erwarte fast, dass er es mir erzählt – gegenüber Engeln haben die Leute immer ein tiefes Gefühl der Vertrautheit. Er nickt auch und sagt: „Nun ja, es war nicht meine Schuld. Ehrlich nicht. Ich bin eine Straße mit dem Fahrrad hinuntergefahren und so ein Idiot ist mir mit dem Auto seitlich hineingebrettert...hat die Vorfahrt nicht beachtet, zu meinem Pech.“ Ich schließe geschockt die Augen. Bitte lass es nicht wahr sein. Bitte lass es nicht wahr sein. Bitte lass es nicht wahr sein! Er fährt fort: „Tja, ich kam schwerverletzt ins Krankenhaus. Konnten mich gut zusammenflicken, die Ärzte dort. An meiner Kniescheibe war ein Großteil abgesplittert und der Oberschenkelknochen meines linken Beines ist auch mehrfach gebrochen. Hätte wohl noch Wochen drin bleiben müssen, wenn meine Kumpel und ich nicht ewig gebettelt hätten. Nun darf ich mit diesen Krücken draußen rumlaufen und weiß nicht mal, ob ich jemals wieder ganz gesund werde“, sagt er, und eine tiefe Spur von Bitterkeit, die ihm niemand verdenken kann, liegt in seiner Stimme. Er ist es nicht. Oder doch? Es gibt doch hunderte Unfälle am Tag. „Klingt ziemlich schlimm“, stelle ich betroffen fest und gucke mitfühlend. Er zuckt mit den Schultern und sagt schroff: „Daran kann ich aber auch nichts mehr ändern.“ Seine Stimme wird sanfter, als er fragt: „Und du, wie heißt du denn?“ „Sina und du?“, antworte ich mit nervöser Spannung. „Niklas“, sagt er lächelnd. „Und dein Alter?“ „17“, sage ich und blicke ihm in die Rehaugen. Er grinst: „Super, ich bin 19.“ In dem Augenblick geht die Tür auf und seine Kumpel erscheinen wieder auf der Bildfläche. „War nett, dich kennen zu lernen“, sagt er und steht abrupt auf. „Morgen, 15:00 Uhr am Café Venezia?“ Ich nicke schüchtern und er winkt mir an der Tür, bevor er endgültig verschwindet. Ich atme tief durch und lehne mich zurück. Morgen, 15 Uhr ein Treff mit dem 19- jährigen, gut aussehenden Niklas. Niklas...hm... Niklas? 19 Jahre? Ich rechne schnell nach und reiße die Augen auf. Gestatten, dies war mein Schützling!

VII

Wie betäubt sitze ich noch eine Weile da. Was jetzt? Und ich dachte, ich könnte mich endlich mal verlieben... uns Engeln ist es verboten, etwas mit dem Schützling anzufangen. Aber er ist doch so süß! Verzweifelt raufe ich mir die schwarzen Locken. Schließlich fällt mir ein, dass ich auch noch etwas nettes zum Anziehen brauche für morgen. Ich stöbere in einer Boutique und finde einen schwarz-weiß karierten Rock, dazu ein knallenges, nachtschwarzes Oberteil und, nachdem ich in fünf verschieden Schuhgeschäften war – da stehen wir Engelfrauen den weiblichen Geschöpfen auf der Erde um nichts nach – auch noch passende, mit vielen Verschlüssen versehene dunkle Stiefel. Mir fällt ein, dass ich so ähnliche ja schon habe – aber egal, die hier sehen ein bisschen anders aus und ich muss sie einfach haben. Auf dem Weg zum Hotel komme ich an einem Kiosk vorbei und blättere gedankenverloren in einer Frauenzeitschrift mit dem Titel: „Sie wollen gut für IHN aussehen? Nur zu- die raffiniertesten Frisuren für Dates und Schminktipps auf 55 Seiten finden Sie bei uns!“ An der Kasse fällt mein Blick auf die zahlreiche Auswahl von Zigaretten. Ob er auch raucht? Vielleicht findet er mich zickig, wenn ich nicht rauche? Kurz entschlossen nehme ich eine Packung Lucky Strike – deren Geruch mir schon durch Lisa’s Zigarette im Auto vertraut ist -, bezahle beides und verlasse das Geschäft. Doch hier gibt es eindeutig zu viele verlockende Läden – schon bleibe ich im nächsten Drogeriemarkt hängen und komme erst eine halbe Stunde später wieder heraus, bepackt mit leichtem Parfum, Schminke und Sekt. Meine Taschen sind so schwer, dass die Henkel fast reißen, und der Portier im Hotel muss mir helfen, sie mit auf mein Zimmer zu schaffen.
Ich setze mich auf meinen kleinen Balkon und genieße die Stille des Parks, der dem Hotel gegenüber liegt. Fast bin ich schon eingenickt, schrecke jedoch durch fernes Gelächter wieder auf. Ein junges Pärchen kommt turtelnd den sandigen Weg entlang, er hat seinen Arm um ihre Hüfte gelegt und beide schauen sich verliebt an. Ich seufze. Muss ich dauernd an das erinnert werden, was ich morgen machen will? Muss? Kann? Soll? Ich lege mich müde aufs Bett und überfliege die Zeitschrift. „Die Lider überpinseln Sie am innen an der Nasenwurzel mit einer hellen Farbe wie grün, während der Farbton nach weiter hinten immer dunkler werden sollte, bis er ein dunkles Khaki annimmt. Die Wimpern kräftig mit einem schwarzen Mascara tuschen und die Lippen...“ Meine Augen fallen zu und ich versinke in einen unruhigen Schlaf. Mitten in der Nacht – so scheint es mir zumindest – fängt mein Radiowecker an zu trällern, doch als ich ihn mit einem derben Klaps zum Schweigen bringe, sehe ich, dass es schon dreiviertel zehn Uhr morgens ist. Ich quäle mich aus meinem Bett, das total zerwühlt ist, und bemerke, dass ich die Nacht in meinen Klamotten verbracht habe. Noch 5 und eine Viertelstunde. Ich gönne mir ein ausgedehntes Schaumbad mit dem prickelndem Sekt, der mich auf Hochtouren bringt. Gut gelaunt vertiefe ich mich in die Tipps für Hochsteckfrisuren. Als ich mich wieder aus der Badewanne herausbequemen kann, ist meine Haut an den Händen und Füßen schon zerschrumpelt, der Sekt halb leer und die Zeitung zerknittert. Der Wecker zeigt erbarmungslos 11 Uhr an, und es dauert immer noch 4 Stunden, bis ich IHN treffe. Ich probiere verschiedene Schminke aus und entscheide mich dann für eine dunkle Variante, die meine grün- orangenen Augen gut zur Geltung bringen wird. Meine Haare lasse ich trotz aller Versuche in der Zeitschrift, mich von verrückten Frisuren zu überzeugen („Überraschen Sie ihn! Verwandeln Sie sich in einen Vamp mit wild aufgebauschten Locken! Oder ist Ihnen die Glamourlady mit den mondän angelegten Haaren lieber?“ ) , wie sie sind, denn in natura fallen sie schon wildgekringelt mit einer Mähne um mich her. Noch 2 ½ Stunden. In meinem Magen kribbelt es vor Aufregung. Himmel, Sina! Du kennst ihn doch nur als deinen Schützling. Und wenn einer weiß, was für ein Draufgänger er ist, dann du. Ich laufe hinunter zur Rezeption und erkundige mich nach dem Café Venezia. „Das liegt nicht mal 10 Minuten von hier entfernt“, sagt der Portier gutmütig lächelnd. „Einfach geradeaus die Straße gehen, dann nach links abbiegen in die Augsburger Straße, bis du vor einem Brunnen im Jugendstil stehst. Schräg rechts ist dann das Café. Es ist zwar klein, aber fein“, erzählt er und in seinem Blick, der auf mir ruht, liegt etwas Väterliches. Augsburger Straße? Da klingelt doch etwas bei mir. Oh nein, es ist da, wo Lisa arbeitet. ‚Gut, dass sagt aber auch nicht, dass ich sie unbedingt treffen muss’, denke ich trotzig. och 1 ¾ Stunden. Ich schlüpfe in meine neuen Klamotten. Sie passen wie angegossen, und beim Blick in den Spiegel finde ich schon, dass alles ganz sexy wirkt. ‚Willst du denn sexy sein? Du führst ihn nur in Versuchung, und wenn etwas passiert, bist du selber Schuld!’ ruft ein kleines Stimmchen in meinem Hinterkopf. Ich bringe es mit einem Schluck des Sektes zum Schweigen, bereue es jedoch, da er mich säuerlich aufstoßen lässt. Sorgfältig schminke ich mich nach der Anleitung und überpudere meine kaum noch sichtbaren Schrammen auf der Stirn, kämpfe mit meinen Haaren, beschließe dann aber, dass da nichts zu machen ist. Noch eine dreiviertel Stunde. Mittlerweile habe ich meinen Schluckauf bewältigt. Nervös sitze ich auf meinem Bett und wippe mit meinen Füßen im Takt zu der Musik, die im Nachbarzimmer gespielt wird. Noch eine halbe Stunde. Ich greife nach meiner Handtasche, überprüfe, ob Taschentücher und Make- Up darin sind. Plötzlich fallen mir die Worte des Wirts ein: „Ihr Mädels geht doch nicht mehr aus dem Haus ohne diese Designer- Handtaschen, in dem Handy und Make– up unbedingt vorhanden sein müssen!“ Geekelt stülpe ich meine Tasche um, bis nichts mehr darin ist. Ich brauche das Make- Up nicht. Wenn er mich schön findet, dann auch, wenn der Lidschatten zerflossen ist und der Lippenstift statt an meinem Mund an meinem Trinkglas klebt. Noch 20 Minuten. Zu Fuß brauche ich ungefähr 10 Minuten zum Café, hat der Portier gesagt. Zitternd nehme ich meine Tasche, in der jetzt nur noch Geld und eine Taschentücherpackung liegen und laufe hinaus in den warmen, sonnigen Nachmittag. Bald habe ich den Treffpunkt gefunden und betrete es. Mein Blick schweift hastig umher- Gott sei Dank, er ist noch nicht hier. Ich lasse mich in eine gemütliche Sitzecke fallen. Es herrscht hier geschäftiges Treiben, viele Kellner schwirren in weißen Anzügen herum und bedienen alte Ladys, junge Cliquen und Geschäftspartner. „Hallo, Sina.“ Eine schüchterne Stimme lässt mich herumfahren, ich hatte gerade auf das Gespräch zweier Engländer gelauscht. Es ist Niklas und er sieht – ich suche nach dem richtigen Wort- einfach unglaublich gut aus. Seine langen Beine stecken in einer lässigen, hellgebleichten Jeans und er trägt dazu ein schwarzes T-Shirt, dass seinen durchtrainierten Bauch gut zur Geltung bringt. Mir wird ganz heiß- Schwarz muss wohl unsere Glücksfarbe sein. „Hi“, hauche ich lächelnd. „Du siehst umwerfend aus.“ Sein Blick gleitet bewundernd auf und ab. „Danke“, antworte ich verlegen, „aber du stehst da ja in nichts nach... wie geht es dir?“ Ich werfe einen kurzen Blick auf die grünen Krücken, die er an die Wand gelehnt hat. „Naja, es geht schon. Jedenfalls hoffnungsvoller, seit ich mal wieder eine Verabredung habe“, grinst er. Mal wieder eine? Ist es doch wahr, dass ich nur eine unter vielen bei ihm bin? Mein Blick verfinstert sich, und er fügt hastig hinzu: „Aber du bist nicht nur jemand- ich finde dich wunderschön und musste dich unbedingt kennenlernen.“ Dieses treuherzige Lächeln noch dazu...

VIII

Schnell kommen wir ins Plaudern. Ich erfahre, dass er ursprünglich aus Rumänien stammt, im Alter von sechs Jahren jedoch mit seinen Eltern hierher gezogen ist, weil sein Opa gestorben war und die Mutter seines Vaters hier ganz alleine war. „Sie ist ein bisschen verwirrt, weiß manchmal nicht, wer wir sind, aber meine Eltern wollen sie nicht in ein Pflegeheim abschieben.“ Ich bekomme ein schlechtes Gewissen – Niklas offenbart sich mir so ehrlich und unschuldig, doch ich werde ihm – zumindest vorerst – nicht die ganze Wahrheit sagen können. „Und was machst du hier?“, fragt er neugierig. „Ich...“ Mein Blick fällt auf ein Ausschreiben am schwarzen Brett, auf dem junge Journalisten für gemeinsame Treffs gesucht werden. „Ich arbeite als freie Redakteurin“, lüge ich und lächele ihn an. „Mit 17?“ – „Ja, ich hab zwei Klassen übersprungen, einmal in der Grundschule und einmal auf dem Gymnasium, und deswegen schon eher mein Abitur gemacht.“, sage ich verlegen. „Wow, klingt interessant.“ Überhaupt zeigt er echtes Interesse an meiner Persönlichkeit und bemüht sich total, einen guten Eindruck zu hinterlassen – was ich total süß finde. „Was machst du so in der Freizeit?“, will er wissen. „Ähm... Lesen, Snowboard fahren, mich um meine Katze kümmern -“ -„Kann ich die mal sehen?“, fragt er begeistert. „Ich mag Katzen total, habe selber zwei Fräuleins. Die eine heißt Joy und die andere Jojo.“ – „Ich habe einen Kater“, erkläre ich lachend. „Er heißt Sookie. Also, was ich noch sagen wollte, bevor du mich unterbrochen hast, - “ Er grinst schuldbewusst- „an einem Buch arbeite ich zur Zeit nämlich auch.“ Das stimmt wirklich. Die ersten 7 Kapitel liegen fertig in meiner fest verschlossenen Schublade oben in meinem Häuschen. „Kann ich das mal lesen?“ Er setzt seinen Hundeblick auf. „Achso, und Snowboarden mag ich auch total gerne! Vielleicht könnten wir im Winter ja mal zusammen...?“ Ich mache eine so- làlà Geste, um mich nicht festlegen zu müssen.
Niklas schaut auf die Uhr. „Tja, ähm... darf ich dich noch ins Kino einladen?“ Ich nicke begeistert, und als wir uns auf den Weg machen, legt er vorsichtig seinen Arm um mich. Ich wehre ihn nicht ab, sondern genieße die Geborgenheit. „Zweimal ‚Der letzte Sommer’, bitte“, verlang er an der Kasse. Im Kino ist es sehr dunkel und voll. Wir setzen uns leise auf zwei äußerste Stühle, die durch eine Armlehne getrennt werden. Der Film fängt an und unbedacht lege ich meinen Arm auf unsere gemeinsame Lehne. Sachte beginnt er, mit seinem Finger Kreise und Linien auf meinem Handrücken nachzumalen. Dann legt er seine Hand mit Nachdruck sanft auf die meine, und unsere Finger verschränken sich ineinander. Erst jetzt bemerke ich seinen Arm, der über meinen Schultern liegt. Niklas zieht mich zu sich heran – mein Herz trommelt, hüpft und klopft unglaublich verrückt – und küsst mich schüchtern, scheu wie ein junges Reh. Ich erwidere seinen Kuss langsam und kuschele mich an ihn heran. Vom Rest des Films bekomme ich nicht mehr viel mit – ich weiß nur, dass es ein Thriller ist. Niklas und ich knutschen immer heftiger herum, bis sich einige Leute wegen der schmatzenden Geräusche beschweren und wir uns schleunigst nach draußen verziehen. Es regnet in Strömen, und er legt ganz Held seine schwere Jacke um meine durchnässten Schultern. Mit einer liebevollen Geste streicht er mir die klatschnassen Haare aus dem Gesicht und küsst mich erneut behutsam. Ich weiß, dass ich das nicht tun darf, aber ich bin mir so sicher, dass ich mich verliebt habe... Er stimmt leise „I’m singing in the rain“ an, und bald singen wir beide lauthals, aber vollkommen schief den Klassiker. Wir küssen uns und lachen und tanzen, die sowieso schon selten vorbeikommenden Leute mit ihren missbilligenden Blicken stören uns nicht, denn wir küssen uns und lachen und tanzen einfach immer weiter. „Sina, ich liebe dich!“, sprudelt es aus ihm heraus. Abrupt bleibe ich stehen, aus meinem Glückstaumel herausgerissen. „Was?“ – „Ja, ich weiß, es kommt plötzlich und schnell, aber ich war mir noch nie so sicher bei jemandem!“, sagt er und lacht mich an. Mir ist schlecht. Warum nur? Innerlich hatte ich wohl auf ein bisschen flirten gehofft, aber dass bei ihm auch mehr daraus geworden ist... Ich hätte, ja ich müsste es unterdrücken, aber er wird es nicht verstehen. Er bemerkt meine Bedrücktheit nicht, zieht mich an sich und bedeckt meinen Hals mit Küssen. „Niklas... ich muss jetzt gehen!“, flüstere ich. „Okay, ich bringe dich, ja?“ Ich halte das für keine so gute Idee, er wird sich wundern, warum ich nicht in einer Wohnung wohne, und außerdem möchte ich noch nicht alles verraten und mir ein bisschen Freiheit und Unabhängigkeit aufheben. Doch er lässt sich nicht davon abbringen, und wie erwartet bekommt er große Augen, als ich ihn vor einem Hotel stoppe. „Was, da drin wohnst du? Wieso denn nicht bei deinen Eltern?“ – „Sie leben in München“, erwidere ich knapp. „Seid ihr reich, oder was?“ – „Wieso?“, frage ich verständnislos. Erst spät bemerke ich, dass ich fast eine von ihm selbst gelieferte Ausrede ausgeschlagen hätte. „Na, so ein Hotel über die Jahre hinweg ist doch echt teuer!“, sagt er und beobachtet mich genau. „Ja...na gut, ich wollte es nicht gerade an die große Glocke hängen, aber meine Eltern sind durch gute Aktienkurse mit ihrer Firma nicht gerade unvermögend.“, sage ich und seufze gespielt. „Du bist süß“, lacht er, „damit braucht man sich doch nicht zu verstecken!“ Ich seufze, diesmal echt. Er ist so lieb, aber auch noch recht naiv. Man kann ihn manipulieren, sogar ich, der Tollpatsch. Vor diesem Wort graust es mir – manipulieren? Möchte ich wirklich meinen Schützling und den Jungen, den ich liebe, manipulieren? Nein, bestimmt nicht. Ich küsse ihn innigst, und unser Kuss dehnt sich aus, als ob sich zwei wilde Tiere aufeinanderstürzen. Hungrig. Hungrig nach wahrer Liebe...

IX

Ja, zugegeben, es hat noch eine gute Weile gedauert, eh wir voneinander loskamen. Glücklich liege ich nun auf meiner Couch und sinniere vor mich hin. Der Nachmittag war einfach traumhaft. Wir haben einige Hobbies zusammen, können gemeinsam lachen und – ich grinse dümmlich vor mich hin – küssen kann er, dass einem die Knie schlottern. Ich muss niesen und zugleich zuckt wieder etwas an meinem Rücken zusammen, dass ich den ganzen Nachmittag schier vergessen hatte. Achja, ihr Flügel... ich muss die Sache mit Niklas beenden, bevor sie richtig anfangen kann – wenn sie das nicht schon hat. Plötzlich klingelt das Telefon schrill auf. Ich nehme vorsichtig ab und frage: „Ja?“ – „Hallo Süße, ich bin’s.“ Niklas Stimme. „Der Portier hat mich zu deinem Zimmer weitergeleitet. Wäre aber nett, wenn du mir gleich deine eigene Nummer geben würdest. Falls ich mal vorhabe, mitten in der Nacht anzurufen, will ich den Portier nicht wieder wecken.“ Er lacht heiser, was unglaublich sexy klingt. „Hm....“ Hektisch suche ich das Adressbuch durch, das neben meinem Telefon liegt. Es würde ihm bestimmt komisch erscheinen, wenn ich nicht mal meine eigene Nummer wüsste, obwohl ich ja angeblich schon längere Zeit hier wohne. Erleichtert finde ich gleich auf dem ersten Blatt den Eintrag: „Die Telefonnummer des Zimmers 378: “ und gebe ihm die Nummer durch. „Danke“, flüstert er. „Hast du Lust, morgen wieder etwas mit mir zu unternehmen?“ Ich würde am liebsten laut „JA!“ schreien, doch die Stimme in meinem Kopf faselt etwas von Abstand nehmen. „Tut mir Leid, aber morgen bin ich von 9:00 Uhr früh bis abends 20:00 Uhr bei einem Seminar“, sage ich mechanisch. „Oh, schade.“ Seine Stimme klingt richtiggehend enttäuscht. „Übermorgen, okay?“, versuche ich ihn zu vertrösten. Er summt leise vor sich hin, als ob er gerade einen tollen Einfall hätte. „ Ja, gerne.“, sagt er. „Darf ich dich zum Abendessen einladen?“ – „Natürlich“, sage ich und lächele. „Gut, dann würde ich das Carltons vorschlagen. Ziemlich nobel, aber für dich, mein Engel, würde ich so ziemlich alles machen.“ „Wirklich?“ Ich lasse ein nervöses Lachen ertönen. „Ich hole dich 19:00 Uhr ab.“ – „Schön, dann bis morgen“, sage ich hastig und lege auf. Ich bekomme Kopfschmerzen. Unruhig lege ich mich aufs Bett, um einzuschlafen. Vielleicht kommt mir ja im Traum eine Idee...
Der nächste Tag ist trist und grau. Ich nutze es, um Kontakt zu Mareike im Himmel herzustellen. Ganz fest an sie denken. „Mareike“, rufe ich leise vor mich hin. Vor meinem inneren Auge sehe ich sie sanft vor mir auf- und abwippen. „Na endlich! Sina! Wir machen uns schon alle Gedanken um dich – wo treibst du dich rum?“ – „Psst“, sage ich ärgerlich. „Nicht so laut. Ich bin in einem Hotel der Menschen.“ – „Was machst du...?“ – „Wenn du mich mal ausreden lassen würdest!“ – „Okay, okay. Schieß los, Maus.“ – „Also...“ Ich sehe mich vorsichtig um. „Du weißt doch, dass mir an meinem 16. Geburtstag der Junge zugeteilt wurde, nicht wahr?“ – „Der Hübsche?“, will sie wissen. „Ja, genau der. Er heißt Niklas. Naja, er hatte einen Unfall- ist mit dem Fahrrad einen Berg hinuntergerast, als ein Laster ihn seitlich erfasst hat - und kam schwerverletzt ins Krankenhaus. Ich war so geschockt, dass meine Schutzkräfte blockiert wurden, stolperte und fiel mit voller Wucht auf der Erde der Menschen auf.“ Ich erzähle ihr die ganze Geschichte bis auf gestern Abend, und ihr Gesicht weitet sich immer mehr vor Furcht. „Schatz! Was machst du denn?“, flüstert sie und guckt mitleidig. Aber gleich wird sie wieder so fröhlich, wie ich sie kenne. „Da hast du also deinen Schützling getroffen? Na, so was passiert auch nur einmal in 100 Jahren! Das ist ja cool!“ Ich nicke und sie fragt: „Und wann gedenkst du, wieder zu deinen erwartungsvollen Freunden im Himmel zurückzukehren?“ – „Ich weiß nicht... natürlich vermisse ich euch auch –“ Ich umarme sie, spüre aber durch die Gedankenübertragung nur einen Windhauch um mich sausen, „aber Niklas ist mir auch wichtig. Und...und...“ Ich atme heftig ein und aus. Sie ist deine beste Freundin. „Ich glaube, wir haben uns ineinander verliebt.“ – „Oh mein Gott!“ , ruft Mareike aus. „Aber das ist verboten! Menschen würden das nur ausnützen, wenn sie wüssten, dass sie einen Schutzengel haben! Wie ist das passiert? Weiß er, dass du ein Engel bist?“ Ich antworte seufzend auf die Flut von Fragen: „Ja, ich weiß selber, dass es verboten ist. Keine Ahnung, wie das passiert ist! Halt einfach so! Oder hast du dich nach einem bestimmten Prinzip in Sascha verknallt?“ Sascha ist seit 3 Jahren ihr Freund, ein rothaariger Engel, sehr intelligent und nett. „Nein, du hast ja Recht“, sagt sie und schaut mich ungeduldig an. Ich weiß, dass sie noch auf die Beantwortung der dritten Frage wartet. „Nein, er weiß noch nicht, dass ich ein Engel bin“, sage ich wahrheitsgemäß. „Noch nicht?“, fragt sie schrill. „Nun ja, ich weiß nicht, ob ich es ewig vor ihm geheim halten kann, Mareike“, antworte ich scharf. Sie nickt und sagt: „Naja, du bist zwar tollpatschig, aber klug. Du wirst schon die richtige Entscheidung treffen.“ – „Wie geht es Sookie?“, frage ich, um von dem brenzligen Thema abzulenken. „Gut, unter meiner Obhut natürlich“, sagt sie und lacht. Ich grinse. Sie lauscht kurz, wirft mir eine Kusshand zu und ruft: „Ich muss gehen, meine Mutter ruft zum Mittagessen!“ – „Gut. Danke, dass du gekommen bist. Ich hab dich lieb.“ Ich lächele sie an. „Klar doch, war ja selbstverständlich! Ich hab dich auch lieb! Komm bald wieder, ja?“ Ein kurzes Zwinkern, und schon ist sie wieder weg.
Nun werden also auch bald meine anderen Freunde und Bekannten im Himmel wissen, dass ich auf der Erde bei den Menschen bin. Ich lege mich auf den Liegestuhl, der auf dem Balkon steht, und starre schläfrig in die Luft. Irgendwo da oben ist mein Zuhause...

X

Mareikes Besuch hat viele Fragen aufgeworfen. Nervös durchblättere ich die Zeitung, ohne etwas zu lesen. Wie soll ich es Niklas beibringen, dass ich ein Engel bin? Sollte ich dies überhaupt? Wie wird er reagieren? Ich muss nach Hause...Mein Blick schnellt wie so oft auf den Zettel von Lisa, der noch immer unter meiner Schreibtischlampe klemmt. Nein, die hat sich da nicht reinzuhängen. Ich fahre mir mit der Hand durchs Haare, reibe mir die Augen und seufze auf. Zu kompliziert. Zu verstrickt, die ganze Sache. Ich muss wissen, wie das ganze aus der Sicht eines Menschen aussieht... Entnervt gebe ich meinen Gedankenkrieg auf, werfe mir die Jacke über, schnappe mir meine Tasche und mache mich auf den Weg zu Lisa’s „Pro Jugend“. Es ist halb vier Uhr nachmittags... da wird sie ja wohl noch arbeiten. Obwohl ich von Kollegen weiß, die Beamten als Schützlinge haben, dass diese gerne, oft und lang Pause machen und dabei einschlafen oder sich einfach eher frei nehmen. Natürlich nicht alle, manche arbeiten auch hart. Wie dem auch sei, nun stehe ich vor der Tür des achtstöckigen Gebäudes. Mein Blick gleitet die Schilder hinunter:

- Zahnarzt Dr. Ka. Ries, 1. Stock
- Hautärztin Maria Aus. Schlag, 2. Stock
- Jugendamt, Vorsitzender: Bet. Treuung, 3. Stock
- Fundbüro, Vorsitzender: Ernst Hab. Dich, 4. Stock
- Apothekenhauptsitz, Chefin: Anna Bolika, 5. Stock
- Pro Jugend, Leiter: Lisa Samurai, 6. Stock

Sie ist die Leiterin? Ungläubig starre ich auf das Messingschild und betrete leicht argwöhnisch das hell erleuchtete Gebäude. Eine Aufzugstür will sich gerade verschließend, da haste ich hin und strecke meinen Fuß dazwischen, um ihn noch zu erreichen. AUTSCH! Haben die noch nichts von Erkennungssignal gehört? Normalerweise sollte die Tür wieder aufgehen, bevor mein Fuß darin zerquetscht wird. Sie öffnet sich auch wieder, dummerweise erst, nachdem sie meinen gerade erst abgeschwollenen Knöchel wieder zum Glühen gebracht hat. „Na, wir haben es aber eilig!“ Ich richte mich auf und blicke einem freundlich dreinblickenden, ergrauten Geschäftsmann in die Augen. Ich nicke und sage: „Naja, kann ja auch keiner ahnen, dass der Aufzug so ein Witzbold ist.“ Die Tür schließt sich jetzt harmlos mit einem leisen Surren.



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